Mittwoch, 22 Nov 2017
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Der Pinscher als Hofhund

Als „österreichischer Landhund“ ist er den Kynologen aufgefallen, und zwar nicht durch sein Äußeres, sondern durch seine Eigenschaften: ein Wächter, der nicht stromert, dem das Hüten im Blut liegt, und ein ausgezeichneter Ratten- und Mäusefänger. „Rattler“ oder, wegen der häufig vorkommenden gelben Farbe, „Semmelhund“ wurde dieser Hund landläufig genannt und bevor ihn Prof.Hauck in den 20-er Jahren in kynologischen Kreisen salonfähig machte, hielten ihn manche, man soll es nicht glauben, sogar für einen Mischling. Dabei stellte Prof.Hauck anhand von Vergleichen mit Ausgrabungsfunden fest, daß gerade diese Art Hund sich seit der Zeit der Pfahlbauten bei uns erhalten hat. Er ist sozusagen die urösterreichische Rasse.
Die Verbreitung des Landpinschers in den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts erstreckte sich von Böhmen bis nach Dalmatien. Das Aussehen zeigte damals wie heute eine gewisse Variabilität: zwar herrschen gelbbraune Schattierungen vor, doch sind alle Farben vertreten, weiße Abzeichen weit verbreitet und die Größe „kniehoch“ bewegt sich irgendwo zwischen 30 cm und 50 cm Schulterhöhe. Das Haarkleid sollte kurzstockhaarig sein, aber es fallen auch kurzhaarige Österreicher ohne Unterwolle und langstockhaarige Tiere. Es scheint, das Wichtige an diesem Hund ist für „seine“ Leute nicht die Einheitlichkeit des Aussehens, sondern, wie auch schon bei der Entdeckung des Landschlags als Rasse, seine Eigenschaften.
Kleinbauern und „Häusler“, die brauchten einen unbestechlichen Wächter. Er sollte zuverlässig melden, wenn jemand kam, oder wenn irgendetwas am Hof nicht in der gewohnten Ordnung war. Ein Hofhund mußte auch allein Fremde fernhalten können oder dafür sorgen, daß eine kaputte Stalltür nicht dazu führte, daß die Schweine in Eigenregie den Gemüsegarten beernteten und umackerten. Gefüttert wurde er mit dem, was auf dem Hof eben anfiel und aufbessern sollte er seinen Speisezettel selbst mit Mäusen und Ratten. Wenn er nebenher ein Wildkaninchen, das sich im Obstgarten gütlich tat, abkassierte, war man ihm nicht böse. Anders bei den Tieren, die zum Hof gehörten, an denen durfte er sich nicht vergreifen. Im Gegenteil, diese mußten vor Beutegreifern behütet und an ihrem Platz gehalten werden. Waren Tiere auf die Weide zu treiben oder in einen anderen Stall, dann half der Hund natürlich seinem Herrchen bei dieser Arbeit. Was Routine war, wie das tägliche Eintreiben zum Melken, das konnte er nach einiger Zeit auch so gut wie alleine erledigen. Eine „Hundeerziehung“, mit Abrichtekursen und Gehorsamsübungen im heutigen Sinn, gab es nicht. Ein richtiger Österreichischer Pinscher lernte (und lernt) im Zusammenleben mit seinen Leuten, was die Hausordnung ist und wer die Freunde der Familie sind. Alle Aufgaben eines Hofhundes sind auf einen engen Bereich, das Hofrevier beschränkt, und selbständig verließ ein Pinscher dieses nur, wenn er für die Erhaltung seines Schlages sorgte, denn die geplante und von Menschen gelenkte Zucht setzte, wie gesagt, erst in den Zwanzigerjahren ein.
Gegenüber anderen Rassen fallen einem durchschnittlichen Hundekenner ohne Pinschererfahrung auf: einmal seine starke Bindungsfähigkeit an Herrl bzw. Frauerl und Revier, gekoppelt mit einem gewissen Mißtrauen Fremden gegenüber, dann seine Spiel- und Arbeitsfreude, seine Reaktionsschnelligkeit und Ausdrucksfähigkeit, sowie eine ausgeprägte Entwicklung in Phasen zur „Persönlichkeit“ des erwachsenen Tieres. Noch eine Eigenheit ist ein Erbe aus seiner Hofhundegeschichte: mit wehrhaften Tieren wie Kühen, Pferden und Schweinen sich vertraut machen ohne Blessuren davonzutragen, das verlangt vorsichtige Neugier, immer auf dem Sprung zum Rückzug. Dieses vorsichtige Ausloten der Situation missversteht der unbedarfte Beobachter oft als Feigheit, besonders beim Junghund, der sich noch stark am Oberhund orientiert. Auch dies stellt aber nur eine Facette des Lernverhaltens beim Österreicher dar. Denn lernen kann ein Österreichischer Kurzhaarpinscher fast alles, war er doch auf dem Bauernhof auch „Mädchen für alles“.
(Bedingt durch die in manchen Züchterkreisen übliche "Schönheitszucht" sind die Hofhundeeigenschaften teilweise verloren gegangen. Achten sie bei der Auswahl des Welpen darauf!)